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Das Paradigma der klassischen Physik begann mit Galilei
und wurde zum Vorbild für Wissenschaft schlechthin. Seit Galileis genialer Verbindung
von mathematischer Argumentation und experimenteller Technik hat sich das Programm einer
näherungsweise-vereinheitlichenden Behandlung der Naturbeobachtungen
und Experimentierresultate im Zuge der Verwissenschaftlichung unserer Zivilisation
zu einem Weltbild von faszinierender Reichhaltigkeit entwickelt. Die Extrapolationen
des physikalischen Standardmodells
erstrecken sich über 61 Größenordnungen
und die Meßergebnisse sind mit einer Präzision von bis zu 14 Stellen mit den
Folgerungen der Theorie vergleichbar. Die Quantentheorie
lieferte neben der
Relativitätstheorie
nicht nur die Grundlage für das Standardmodell, sondern
machte darüber hinaus auch Chemie und Biologie
zu physikalischen Wissenschaften. Gegenwärtig dehnen die Physiker ihr
Betätigungsfeld auf die Sozialforschung
und die
Wirtschaftswissenschaften
aus.
Das Programm einer sozialen Physik entstand bereits im Zuge der Aufklärung und
wurde mit den verbessertern wissenschaflichen Methoden verfeinert. So nimmt es nicht
wunder, daß die Behandlung stochastischer Prozesse bereits 1900 durch den Mathematiker
Bachelier in die Ökonomie eingeführt wurde, fünf Jahre vor Einsteins
grundlegender Arbeit zur Brownschen Bewegung. Im Rahmen des näherungsweise-vereinheitlichenden Paradigmas (NVP) der neuzeitlichen Naturphilosophie führte Newton in seiner Gravitationstheorie die Galileischen Wurfparabeln und die Keplerschen Ellipsenbahnen auf ein gemeinsames Kraftgesetz zurück. Damit vereinigte er die Bewegungen von Kanonenkugeln auf der Erde mit den Planetenbahnen am Himmel. Zielgerichtete Geschoßbahnen im Schwerefeld der Erde wurden in gleicher Weise behandelt wie bewirkte Planetenbahnen im Gravitationsfeld der Sonne. Voltaire überhöhte die Newtonsche Mechanik zum mechanistischen Weltbild: Entweder ergibt sich alles aus dem notwendigen Wesen der Dinge oder aus der ewigen Ordnung, die ein absoluter Geist gestiftet hat. Wirk- und Zielursache wurden durch Euler und Lagrange im Prinzip der kleinsten Wirkung vereint:
Als Wirkung S wird das Produkt aus Energie und Zeit bezeichnet.
Dem Integralprinzip der Wirkungsvariation
Die Lagrangefunktion L wird aus der Differenz von Bewegungs- und potentieller Energie bestimmt: L = T - V.
Neben der Bewegung von Gestirnen am Himmel und Geschossen auf der Erde, haben sich die Menschen
von altersher auch für die Ausbreitung von Lichtstrahlen und Wasserwellen interessiert. In der
Eulerschen Mechanik der Kontinua wurden nicht mehr diskrete Massenpunkte mi betrachtet, sondern
im Grenzübergang dm kontinuierliche Massendichten
In der Wellengleichung steht
Den Atomismus der Punktmechanik und Strahlungsoptik sowie das Kontinuum der Fluiddynamik und
Wellenoptik verband der Astronom Hamilton
zu einer genialen Synthese, aus der die Newtonsche Mechanik als geometrisch-optischer
Grenzfall einer Wellenbewegung hervorging. Den jeweils aus Elementarwellen gebildeten
Wellenfronten konnte er eine geometrische Strahlungsrichtung zuordnen, indem er die Flächen
konstanter Wirkung als Wellenfronten ansah, die im Konfigurationsraum fortschritten. Denn so
wie sich die Lösungen der Wellengleichung
wenn es sich um eine gleichförmige Bewegung mit Impuls
so daß Neben den mechanischen Phänomenen der Bewegung von Massen nach dem Prinzip der kleinsten Wirkung, waren es vom Anbeginn der menschlichen Kultur auch die Erscheinungen der Reibungselektrizität (beim Bernstein) und des Magnetismus (von Eisenstein), die die Menschen immer wieder neugierig machten. Ganz zu schweigen von dem gewaltigen Naturschauspiel eines Gewitters, in dem Elektrizität, Licht und Schall aufs innigste zusammenwirken. Goethe hatte es dem Physiker seinerzeit ins Stammbuch geschrieben: Natur ist weder Kern noch Schale. Alles ist mit einem Male.
Coulomb gelang es im Anschluß an Newton, ein dem Gravitationsgesetz ähnliches Kraftgesetz
für die Anziehung und Abstoßung zwischen elektrischen Ladungen zu formulieren. Ampere
führte den Magnetismus auf das Fließen elektrischer Ströme zurück. Und Faraday sah
die Wirkungen der Ladungen aufeinander in der Existenz eines Feldes, dessen
Wirkungslinien er durch die Ausrichtung von Eisenpfeilspänen zwischen magnetischen Polen
veranschaulichte. Maxwell
endlich gelang es dann in einem visionären Entwurf, aus den Prinzipien der Ladungs-
und Energieerhaltung, Elektrizität und Magnetismus in einer Theorie zu vereinigen.
Krönung seiner Elektrodynamik war die Herleitung einer Wellengleichung, nach der
Licht als elektromagnetische Welle verstanden werden konnte!
In Verbindung mit der Analyse der diskreten Absorptionslinien im kontinuierlichen Spektrum
des Sonnenlichtes, fand Kirchhoff
1859 ein weitreichendes Gesetz zur Strahlungsleistung
J eines schwarzen Körper. Aufgrund allgemeiner thermodynamischer Prinzipien konnte er
nachweisen, daß die Strahlungsleistung eines schwarzen Körpers allein von der Frequenz
Die durch Becquerel
1896 entdeckte
Radioaktivität gab den Physikern neue Rätsel auf. Wie sollte das um die Jahrhundertwende
aufgestellte Zerfallsgesetz
Die experimentellen Befunde der Schwarzkörperstrahlung, der Atomspektren und der Radioaktivität
harrten einer theoretischen Erklärung. Planck
und Einstein
suchten nach Problemlösungen in der statistischen Mechanik und in der Elektrodynamik.
Boltzmann
hatte bereits
1877 mit seiner Entropieformel einen Zusammenhang zwischen Makro- und Mikrophysik
hergestellt:
Die Abzählmethode der Statistik enthielt eigentlich schon den Atomismus, der in den diskreten
Energiequanten wieder seinen Ausdruck fand. Unverständlich, aber für die Herleitung notwendig,
blieb die Annahme der Ununterscheidbarkeit der Energiequanten. Die Lösung dieses Problems gelang
später Bose und Einstein. Die mathematische Struktur der Maxwellschen Elektrodynamik war es, die Einstein 1905 in seiner Arbeit Zur Elektrodynamik bewegter Körper zu seiner speziellen Relativitätstheorie führte. Im Vierervektor-Formalismus der vereinigten Raumzeit konnte die gesamte Elektrodynamik durch eine Gleichung beschrieben werden:
steht für die
Viererstromdichte. Welch ein Triumpf des NVP! Im Detail blieben aber noch einige
Ungereimtheiten. Vor allem die Diskrepanz zwischen den diskreten elektrischen Ladungen
und den von ihnen ausgehenden kontinuierlichen elektromagnetischen Wellen ließen den
Welle-Teilchen-Dualismus wieder aufleben. Zumal Einstein
ebenfalls 1905 im Anschluß an
Plancks Entdeckung des Wirkungsquantums Über einen die Erzeugung und Verwandlung des
Lichtes betreffenden heuristischen Gesichtspunkt nachdachte und darauf hinwies, daß
monochromatische Strahlung von geringer Dichte sich wärmetheoretisch so verhielte als ob
sie aus voneinander unabhängigen Energiequanten bestünde. Diese Übertragung der Planckschen
Quantenhypothese von den elektrischen Oszillatoren in den Hohlraumwänden des schwarzen
Körpers auf das elektromagnetische Strahlungsfeld stand in bemerkenswertem Einklang mit der
speziellen Relativitätstheorie, in der Einstein die Proportionalität zwischen der Energie
und der Frequenz eines Lichtkomplexes hergeleitet hatte:
Damit hatte Einstein klar den Doppelcharakter der Wärmestrahlung herausgearbeitet; denn
der erste Term in der Klammer steht für den Teilchenanteil und der zweite Term beschreibt den
Wellenanteil der Strahlung. Er zog eine programmatische Forderung: Deshalb ist es
meine Meinung, daß die nächste Phase der Entwicklung der theoretischen Physik uns eine Theorie
des Lichtes bringen wird, welche sich als eine Art Verschmelzung von Undulations- und Emissionstheorie
des Lichtes auffassen läßt.
Beim zweiten Versuch, sein Strahlungsgesetz zu verstehen, kam Planck 1911 im Rahmen der
statistischen Mechanik zu dem Ergebnis, daß sich die mittlere Energie
Den Ausdruck für T = 0 nannte er Nullpunktsenergie Bohr
versuchte 1913, die Balmerformel zu erklären. Dazu machte er Annahmen über die Struktur
der Atome. In seinen Arbeiten zum Aufbau der Atome und Moleküle postulierte er sogenannte
stationäre Zustände der Elektronen. Weiter nahm er an, daß Emission und Absorption von Photonen
durch sprunghafte Übergänge zwischen solchen Zuständen möglich sein sollten. Er schrieb: Die
Energiemenge
Wir sehen, daß dieser Ausdruck das Gesetz erklärt, das die Linien in dem Wasserstoffspektrum verbindet.
Neben den üblichen Abkürzungen steht m für die Elektronenmasse. Mit dem Geniestreich seiner
Quantentheorie hatte Bohr nicht nur die Balmerformel erklärt, sondern den gesamten Aufbau des
periodischen Systems der Elemente auf die Beschreibung stationärer Elektronenzustände zurückgeührt.
Die Chemie wurde Teilgebiet der Physik!
1917 wandte sich Einstein in seiner Untersuchung Zur Quantentheorie der Strahlung den
stochastischen Elementarprozessen zwischen den Molekülen und Lichtquanten zu. Im Anschluß
an das Zerfallsgesetz der Radioaktivität nahm er Übergangswahrscheinlichkeiten für
Absorptions- sowie für spontane und induzierte Emissionsprozesse an und leitete
daraus das Plancksche Strahlungsgesetz ab. Den Strahlungsquanten bei der Wechselwirkung
zwischen Feld und Materie schrieb er dabei nicht nur Energien
D.h. aus der Gleichheit der ersten Komponente, die Energie und Frequenz eines Lichtkomplexes in Beziehung setzte, folgerte de'Broglie auch die Gleichheit der weiteren Komponenten, die Impuls und Wellenzahl verknüpften. Was für das Licht galt, sollte fortan für die gesamte Materie gelten! Wie aber sah die Wellengleichung der Materie aus? Next: Moderne Physik Up: Zur Renaissance der klassischen Previous: Einleitung |
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